Schlechte Unternehmensführung: Unsere aktuellen Flop Ten

Unterm Strich, meinen wir, macht die deutsche Wirtschaft Fortschritte in Sachen Corporate Governance – allerdings nur zaghaft. Denn leider stoßen wir noch immer zuhauf auf Praktiken und Vorgänge, die nicht zu unserer Vorstellung von „Good Governance“ passen. Hier eine komprimierte Auswahl von Unternehmen, die uns in den letzten Monaten negativ aufgefallen sind – von Bayern München bis Volkswagen. 

Bayern München: Governance-Eigentore. Zahlreiche Bundesliga-Vereine haben zuletzt ihre Strukturen professionalisiert. Ausgerechnet Vorreiter Bayern München macht nun aber Rückschritte in Sachen Corporate Governance. So streiten Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge (seit 2002 im Amt) und Aufsichtsratsvorsitzender Uli Hoeneß (nach Gefängnisstrafe wieder im Amt) öffentlich über operative Fragen. Wir meinen: Der Rekordmeister hat derzeit nicht nur sportlich ein Problem.

Burda. Aufsichtsräte als Bremsklötze? Ein CEO, der sich selbst kontrolliert? Das kannten wir bislang in erster Linie aus den USA. Doch jüngst hat der Medienkonzern Burda CEO Paul-Bernhard Kallen (60) in Personalunion zum Chairman des Verwaltungsrats ernannt. Das soll „schnelle Entscheidungen“ garantieren, sagt Kallen. Wir sagen: Unabhängige Gremien sind ein wichtiges Korrektiv – und bei modernen Strukturen keineswegs Bremsklötze.

Comdirect. Dem Unternehmen verpflichtet? Obwohl freie Aktionäre 18 Prozent an der comdirect Bank halten, dominiert die Commerzbank den sechsköpfigen Aufsichtsrat. Wir möchten in diesem Zusammenhang an die VARD-Berufsgrundsätze erinnern, wonach Aufsichtsräte ihr Mandat „ausschließlich zum Wohl des Unternehmens“ ausüben – und nicht einzelner Stakeholder.

Deutsche Bahn. Planlose Nachfolgeplanung. Seit Monaten wird die Bahn von einem vierköpfigen Rumpfvorstand geführt. Offenbar können sich Aufsichtsrat und Konzernspitze nicht auf Kandidaten für die vakanten Ressort Güterverkehr & Logistik und Digitalisierung & Technik einigen – laut Medienberichten auch, weil Noch-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries auf ein Managerinnen-Doppelpack drängt. Nach der Wahl werden die Karten nun aber neu gemischt.

Deutsche Börse: Eine Enttäuschung namens Scale. Neben der Insider-Affäre um Vorstandschef Carsten Kengeter hat die Börse ein weiteres Governance-Problem: Sie hat es versäumt, am neuen Mittelstandssegment für transparente Richtlinien in Sachen Corporate Governance zu sorgen. Dabei wäre das der beste Weg, um Vertrauen aufzubauen und Skandalen vorzubeugen. Das Ergebnis: Schon nach wenigen Monaten drängen erste umstrittene Unternehmen an die Börse.

FIFA. Wenn aus Hoffnung Skepsis wird. Tja, die FIFA. Nach dem Abgang von Sonnenkönig Joseph Blatter waren wir noch vorsichtig optimistisch, was den Reformprozess angeht. Doch inzwischen gebärt sich auch sein Nachfolger Gianni Infantino wie ein Alleinherrscher und sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Der 37-köpfige FIFA-Rat, der als eine Art Aufsichtsrat fungieren und Infantino überwachen soll, scheint dieser Aufgabe nicht gewachsen. Wahrscheinlich ist er schlicht zu groß, um gemeinsame Positionen zu finden und entschlossen zu vertreten.

Munich Re. Gescheiterter Boni-Dialog. Der Aufsichtsrat der Munich Re gehört zu den Verlierern der HV-Saison. Denn die Aktionäre lehnten das Vergütungssystem ab – wobei sie vor allem störte, dass nicht im Detail veröffentlicht wird, an welchen Zielvorgaben sich die Boni orientieren. Wir meinen: Aktionäre sollten dem Aufsichtsrat zwar ein gewisses Maß an Vertrauen schenken. Aber dafür muss dieser ihnen das Vergütungssystem nachvollziehbar erläutern. Daran hat es offenbar gehapert.

OHB. „Sohn berichtet an Mami.“ Der aktivistische Investor Guy Wyser-Pratte hat nachgelegt: Es könne nicht sein, „dass der Sohn an Mami“ berichtet, sagte er der WirtschaftsWoche mit Blick auf OHB-Vorstandschef Marco Fuchs und dessen Mutter Christa, die den Aufsichtsrat der Bremer Raumfahrtfirma leitet. Man mag von Wyser-Pratte halten, was man will: Wo er recht hat, hat er recht.

Otto Bock. Reichen 20 Jahre? Ja, viele Aufsichtsräte können frischen Wind vertragen, zum Beispiel in Form von Digital Natives und Startup-Unternehmern. Bei einer 20-jährigen Studentin wie Georgia Näder, Tochter von Otto-Bock-Haupteigentümer Hans Georg Näder, sind wir allerdings skeptisch, ob Kompetenz und Erfahrung ausreichen. Die angestrebte Börsenreife dürfte der Prothesenhersteller mit solchen Personalien jedenfalls nicht erreichen.

Volkswagen. Wann handelt der Aufsichtsrat? Marcus Lutter ist sowas wie der Altmeister unter den deutschen Aktienrechtlern. Im Fall des Diesel-Skandals und noch immer nicht eingereichter Schadensersatzklagen kommt er zu einem harten Urteil: Vorstand und Aufsichtsrat würden sich „gegenseitig schonen“. Das sei ein „Unding“. Wir sind gespannt, wie lange Ex-Finanzvorstand und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch seinen Interessenkonflikt noch aussitzen kann.

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