Menschliches und Allzumenschliches in den Verwaltungsräten

Im obersten Gremium eines Unternehmens spielt die Chemie, die zwischen den Mitgliedern herrscht, eine entscheidende Rolle. Die Regel sollte sein, dass die Firma wichtiger ist als das Ego.

Irgendwann Mitte der 2000er Jahre an der Verwaltungsratssitzung eines kotierten, multinational tätigen Schweizer Grosskonzerns. Zugegen sind auch mehrere international bekannte Persönlichkeiten, die Sitzung wird deshalb auf Englisch geführt. Ein Schweizer, auch er eine Koryphäe auf seinem Gebiet, wartet auf den richtigen Moment, um das Wort zu ergreifen. Als der britische Kollege sein Votum abgeschlossen hat, ist es so weit; er erkundigt sich nach Details zum Geschäft eines ebenfalls anwesenden Marktleiters einer Region.

Die Stimmung ist plötzlich angespannt – und es geschieht, was in dieser Runde zuvor schon einige Male passiert sei, erinnert sich der Schweizer. Ein Verwaltungsrat steht auf und muss aufs stille Örtchen, jetzt, ganz dringend. Ein anderer holt sein Handy aus der Tasche und konzentriert sich darauf. Alle übrigen Kollegen weichen dem Blick des Fragestellers aus, nur der Präsident blickt ihm direkt in die Augen – sichtlich sehr unzufrieden. Denn der Regionenleiter, das wissen alle am Tisch, «war der Liebling des Präsidenten», und gegen den Vorsitzenden wollte sich niemand stellen, wie der Erzähler sagt.

Der Schweizer Verwaltungsrat möchte weder den Namen der Firma noch seinen eigenen zitiert sehen. Die Episode zeigt aber anschaulich, dass der Faktor Mensch bei der Dynamik in einem Verwaltungsrat eine grosse Rolle spielen kann. Und dass es bei den Mitgliedern im obersten Leitungsorgan nicht nur fachliche, sondern auch subjektive Dimensionen zu berücksichtigen gilt.

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